Man glaub es kaum, aber mein Freiwilliges Soziales Jahr in Ecuador ist tatsächlich schon um. Ein Jahr mit so vielen schönen, aber auch schweren Momenten. Im Mittelpunkt dieses Jahres stand ganz sicher meine Arbeit mit Straßenkindern Quitos, die mich doch das ein oder andere Mal an meine Grenzen brachte, aber mir auch so unglaublich viel zurückgegeben hat.
Aber fangen wir von vorne an. Mir kommt es wie gestern vor, als ich am Frankfurter Flughafen stand und mich von meiner Familie verabschiedete. Ich konnte nicht einmal richtig traurig sein, so aufgeregt war ich auf das, was mich so weit von der Heimat erwarten wird. Sicher gelandet (auf einem der gefährlichsten Flughäfen der Welt) trafen wir uns zum Orientierungsseminar und Spanisch Kurs. Zum einen Traf ich hier 5 Jungs, die mich noch das ganze Jahr auf Reisen, Fiestas und anderen Dummheiten begleiten sollten. Zum anderen meine Gastfamilie, in der ich in den ersten zwei Wochen wohnte und zu der ich bis heute nie den Kontakt verloren hab. Sie behandelten mich vom ersten Tag wie ein Mitglied der Familie und boten mir einen Einblick in ein ecuatorianisches Leben, dessen Mittelpunkt ganz klar die Familie darstellt. Ich lebte zusammen mit meinen Gasteltern Soña und Geraldo, einem älteren und äußerst liebenswerten Ehepaar und deren jüngster Tochter Jeanine. Es verging nicht ein Tag an dem nicht Geschwister, Cousins, Onkel oder Nachbarn zu besuch waren um gemeinsam zu essen, reden oder zu feiern. Die Rollen innerhalb der Familie sind recht klar aufgeteilt. Jeanine studiert an der Universität, Geraldo arbeitet im eigenen Tierfuttergeschäft und Soña erfüllt die Rolle der klassischen Hausfrau. Sie erinnert mich dabei sehr an meine Großmutter, war sie doch selten damit zufrieden, wenn ich mir beim Essen nur einen Nachschlag genommen habe. Mich an das Essen zu gewöhnen war für mich kein Problem, erst später war ich von der Einseitigkeit etwas genervt. Die Grundlage einer jeden Mahlzeit ist Reis (auch wenn es Spaghetti, Pommes oder Kartoffeln gibt), dazu gibt es eine Suppe und in ca. 80% aller Fälle Hühnchen und etwas Gemüse.
Und so war es auch das Essen, was mich das ein oder andere Wochenende dazu bewegte, an die Küste zu fahren. Freitag Nacht in den Bus gestiegen und schon Samstag früh leckere Garnelen in Cocosnusssoße oder als ceviche (kalter Suppe mit Tomate und Limette) genießen und sich fragen, warum sogar der Reis an der Küste besser schmeckt. Ist die Sierra, das Hochlandgebiet Ecuadors, eher konservativ, traditionell und indigen geprägt, findet man an der Küste das Lateinamerika, wie man es sich vorstellt. Lockere Lebenseinstellung, keine Hektik, Laute Salsa- oder Reggaetonmusik an jeder Ecke und Menschen, die nicht an dir vorbeigehen ohne dich anzusprechen. Ich will natürlich nicht damit sagen, dass ich ungern in der Sierra gelebt habe, auch hier hab ich unglaublich nette Menschen getroffen und die Art und Weise wie man hier auf Dorfpartys feiert macht mir auch unglaublich viel Spaß.
Reisen in den Oriente oder Amazonas, das Urwaldgebiet, bieten dann noch mal eine ganz andere Seite. Hier wartet eine Einzigartige Tier und Pflanzenwelt, die einen immer wieder zum staunen bring. Das ist es was ich so an Ecuador liebe. Man findet hier in diesem so kleinen Land eine derartige Vielfalt wie sonst nirgends. Traumstrände im Westen, beeindruckende Berge und Vulkane in der Mitte und wilder Urwald im Osten. (Und natürlich die Galapagosinseln, die ich am 15.6 besuchen werde).
Aber nun weg von Reisen und zum Wesentlichen dieses Jahres, meiner Arbeit in der Fundacion Proyecto Salesiano “Chicos de la Calle”. Nach zwei Wochen Ecuador war es soweit und ich zog in das Kinderheim “Mi Caleta”, ein Haus für Straßenkinder zwischen 6 und 16 Jahren. Dieses Heim ist für die Jungs allerdings nur eine Übergangslösung und so wird direkt nach der Aufnahme damit begonnen, die Eltern oder andere Familienmitglieder zu finden, um die Kinder wieder einzugleidern. Nach Gesprächen mit unserer Psychologin, Sozialarbeiterin, dem Direktor und anderen Erziehern, wird dann entschieden, ob die Kinder in ihre Familien zurück kehren können, oder ob ein anderes Projekt gesucht werden muss. Ein solches wäre zum Beispiel ein Heim unserer Fundation, auf einem Bauernhof 2 Stunden außerhalb von Quito, auf dem jedes Kind ein so genanntes Lebensprojekt führt, bei dem es auf das vorbereitet wird, was es später ein mal machen möchte und wie es das erreichen kann.
Als ich im Projekt ankam war für mich alles total neu und etwas schwierig. Vor allem die Kinder zu verstehen, die besonders wenn sie von der Küste kamen, ein ganz eigenes Spanisch sprachen, stellte mich vor erste Herausforderungen. Und so verbrachte ich meine ersten Wochen, in denen glücklicherweise noch Schulferien waren, zu 90 % mit Fußballspielen. Nach den Ferien, begann dann mein Tagesablauf, wie er sich bis zum Schluss nicht mehr ändern sollte. Um 7 Uhr heißt es aufstehen, Kinder wecken und unter die Dusche schicken. Während die Kinder sich duschen, bereiteten wir das Frühstück zu, so dass um 7:30 Uhr gegessen werden konnte. Ein geregelter und strenger Tagesablauf ist besonders für die Jungs wichtig, die lange Zeit in der Straße gelebt haben und ihren Tag hauptsächlich mit schlafen und nichts tun verbracht haben. Nach dem Frühstück stand für die Kinder ein bisschen Putzen auf dem Plan. Um 9 Uhr machten wir Freiwilligen mit den Kindern eine Versammlung, in der wir über alles sprachen was im Heim so anfiel und passiert ist, in der wir aber auch häufig spielten, wenn nichts Besonderes vorgefallen war. Um 9:30 begann der Unterricht, in dem wir individuell den Jungs Mathematik und Sprache beibrachten. Es kam sowohl vor, dass ich einem 15 Jährigen das lesen beibringen musste, als auch dass ich für einen 12 Jährigen auf Grund seiner Intelligenz keine Arbeitsblätter mehr hatte. Da unser Haus nicht nur Heim, sondern auch eines von 5 Referenzzentren unserer Fundation in Quito ist, war unser Nachhilfe Unterricht Dienstags, Donnerstags und Samstags offen für all die Kinder, die zwar in ihren Familien wohnen und auch zur Schule gehen, aber teils bis spät in der Nacht in der Straße sind, um Kaugummis und Zigaretten zu verkaufen oder Schuhe zu putzen. Für diese Kinder war der Nachhilfeunterricht eher eine Hausaufgabenbetreuung.
Um 11 war der Unterricht dann zu Ende, wir reichten einen kleinen Snack und die Kinder hatten ca. eine Stunde Zeit zu spielen, bis wir dann zu der Projekt eigenen Schule gegangen sind, um Mittag zu essen. Während unsere Jungs nach dem Essen dann zurück zur Caleta gingen um dort noch einmal Unterricht zu bekommen, blieb ich in der UESPA. Der Unterricht dort fängt erst um 14:00 Uhr an, weil die Jungs und Mädchen, die aus sehr armen Familien kommen, ebenfalls morgens arbeiten müssen. Ich arbeitete als Assitenslehrer in der ersten Klasse, was insofern nötig war, als das es innerhalb der ersten klasse drei Gruppen von Schülern gab. Die 5-6 jährigen, die Vorschulniveau hatten, dann 7-8 Jährige, die zwischen erster und zweiter Klasse standen und ein paar Kinder die schon deutlich älter waren. Mit diesen arbeitete ich, mit dem Ziel dass sie in die dritte Klasse hochgestuft werden können, was mir auch bei 2 von vieren gelang (einer von denen die es nicht geschafft haben, ist von zuhause abgehaun, tauchte noch das ein oder andere mal bei uns im Heim auf, ist aber jetzt wieder in der Straße und hat massive Drogenprobleme). Bis 18:15 Uhr am Abend brachte ich ihnen hauptsächlich lesen, schreiben und rechnen bei. Danach ging ich dann wieder zurück zur Caleta, zum Abendessen. Nachdem die Kinder noch mal ein wenig sauber machen, spielen wir noch ein wenig bevor es dann heißt, sich fürs bett fertig zu machen. Normalerweise lesen wir dann noch eine Geschichte vor und dann heißt es um 9 Uhr Stille und “muy buenas noches”.
Und nein noch immer haben wir nicht wirklich Feierabend. Ein bis zwei mal die Woche schlafen wir bei den Kindern im Zimmer, weil es das ein oder andere Mal zu Belästigung und Missbrauchsfällen kam, bei denen sich Jungs in die Betten anderer gelegt haben, sich gegenseitig angefasst haben und befriedigt haben. Einmal kam es auch vor, dass zwei Jungs Nachts Drogen konsumiert haben. Alle zwei Wochen begleitete ich dann zusätzlich von 6 bis 10 Uhr Abends den Nachterzieher, bei den Nachtfahrten, bei denen wir mit den Kindern reden, die in der Straße arbeiten, Familien besuchen und wenn Kinder tatsächlich in Gefahr sind, fragen ob sie nicht mit zur Caleta kommen wollen, um dort einzuziehen. Mal ganz davon abgesehen, kann es auch immer vorkommen, dass mitten in der Nacht die Polizei klingelt und Jungs bei uns lassen will, die sie in der Straße gefunden haben. Man kann also ganz sicher von einem 24-Stunden Job reden, doch mit der Zeit wurde es für mich Alltag und ich gewöhnte mich an diesen Tagesablauf. Vor allem nach etwa 3 Monaten wurde es viel einfacher nachdem man mit der Sprache fast keine Probleme mehr hatte, genau wusste wie die Arbeit funktioniert und sich auch an die Lage Quitos (auf 2800 m über dem Meer) gewöhnt hatte. Wie anstrengend die Arbeit war, hing also immer davon ab wie Kinder im Heim waren, welchen Hintergrund die Kinder haben und wie viele Freiwillige bei uns arbeiten.
Eine erste Härteprobe stellte sich als mein Chef, der anfangs mit uns im Heim lebte, für einen Monat nach Spanien gefahren ist und wir Freiwilligen Nachts alleine mit 8 Jungs waren. Einerseits waren diese Jungs nicht gerade die einfachsten, die ich in diesem Jahr begegnet bin, andererseits meinten sie, dass jetzt wo der Direktor nicht da ist, sie machen können was sie wollten und wir nichts gegen sie in der Hand haben. Ganz sicher war dies der härteste Monat im ganzen Jahr. Doch zu keiner anderen Zeit hab ich wohl so viel gelernt wie in diesem. Wie ich mit den Kinder umgehen muss, was ich vermeiden muss, wie sehr ich Freund sein kann ohne Autorität zu verlieren und nicht zuletzt Spanisch zu sprechen. Ich weiß noch genau, wie ich in diesem Monat das erste Mal ein Kind angemeckert habe ohne zu stocken oder nach Worten zu suchen.
Aber das Jahr hat mir auch unglaublich viele schöne Momente gegeben. Wie stolz ich war als ich dem kleinen Junior das Fahrradfahren beibrachte, wie viel Spaß ich mit den älteren beim Fußballspielen und Witze erzählen hatte, beim Gitarre spielen mit Moises, oder wenn mich einer der Kleinen umarmte wenn ich mal schlecht gelaunt war. Und nicht zuletzt meine Verabschiedung bei der die ein oder andere Träne floss und mich ein paar Kinder anbettelten noch nicht nach Deutschland zurück zu kehren.
Ich habe in diesem Jahr hart gearbeitet, neues und unglaubliches gesehen und gemacht, vom Umgang mit Kindern bis hin Dinge wert zu schätzen so vieles gelernt, aber vor allem habe ich dieses Jahr unglaublich viel Spaß gehabt. Diese Erfahrung meines Lebens werd ich wohl nie vergessen.